Wer den SV Babelsberg 03 verstehen will, muss über mehr als Fußball sprechen. Der Potsdamer Club ist seit Jahrzehnten eines der bekanntesten Beispiele für politisch engagierten Fußball in Deutschland. Die Fans des Vereins haben eine klare Haltung — antifaschistisch, antirassistisch, queer-freundlich — und verteidigen diese im Stadion, auf der Straße und in der öffentlichen Diskussion. Gleichzeitig ist Babelsberg 03 ein echter Fußballclub mit einer bewegten Geschichte, einem ikonischen Stadion und einer Mannschaft, die in der Saison 2025/26 die Regionalliga Nordost prägt.
Vereinsdaten
| Merkmal | Details |
|---|---|
| Vollständiger Name | SV Babelsberg 03 e.V. |
| Gründung | 1. März 1903 |
| Stadion | Karl-Liebknecht-Stadion (10.800 Plätze) |
| Trainer | Markus Zschiesche |
| Präsident | Hans-Jürgen Stelter |
| Liga | Regionalliga Nordost (4. Liga) |
| Trikotfarben | Schwarz-Lila |
Geschichte: Mehr als 120 Jahre Potsdamer FuĂźball
Der SV Babelsberg 03 wurde am 1. März 1903 in Nowawes gegründet — jenem Arbeiterviertel, das später als Babelsberg in die Geschichte eingehen sollte. Von Anfang an war der Verein in der Arbeiterbewegung verankert, und diese Herkunft prägt die Clubkultur bis heute.
In der DDR spielte der Verein unter verschiedenen Namen — SG Deutsche Filmaktionsgesellschaft, SC Potsdam Motor — in den mittleren Spielklassen. Große DDR-Oberliga-Erfolge blieben aus, aber der Verein stabilisierte sich als regionale Größe. 1990 erfolgte die Rückbenennung in SV Babelsberg 03, und mit dem Namen kam auch die Rückbesinnung auf die Vereinswurzeln.
Die 1990er Jahre brachten sportliche Aufwärtsbewegung. In der Saison 1994/95 gelang der Aufstieg in die 2. Bundesliga — der Höhepunkt der sportlichen Geschichte. Zwei Spielzeiten im Profifußball waren eine prägende Erfahrung, auch wenn sie wirtschaftlich herausfordernd blieben. Nach dem Abstieg 1996 begann der lange Weg durch die unteren Spielklassen, der den Verein bis in die Oberliga und zeitweise sogar noch tiefer führte.
Die DFB-Pokal-Momente
Trotz des Abstiegs aus dem Profifußball erlangte Babelsberg 03 immer wieder bundesweite Bekanntheit — hauptsächlich durch Pokalüberraschungen. Im DFB-Pokal haben die Potsdamer mehrfach bewiesen, dass sie gegen höherklassige Gegner mithalten können.
Besonders in Erinnerung geblieben ist die Partie der Saison 2011/12, als Babelsberg 03 den damaligen Bundesligisten FSV Mainz 05 in der ersten Runde schlug. Das 2:1 nach Verlängerung im Karl-Liebknecht-Stadion war eine Sensation und brachte dem Verein eine breite Medienpräsenz ein. Die Fans feierten nicht nur den sportlichen Erfolg, sondern auch das Bild, das Babelsberg in dieser Nacht abgab: engagiert, leidenschaftlich, politisch klar positioniert.
Weitere DFB-Pokal-Achtungserfolge kamen in den Saisons 2013/14 und 2020/21. Jedes Mal nutzte der Verein die mediale Aufmerksamkeit, um seine Werte zu kommunizieren. Babelsberg ist kein Club, der im Rampenlicht stumm bleibt.
Die Geschichte der Regionalliga Nordost weist Babelsberg 03 als einen jener Vereine aus, die die vierte Liga seit deren Gründung mitgeprägt haben — mit kurzen Abstechern in höhere und niedrigere Spielklassen, aber immer wieder als feste Größe.
Das Karl-Liebknecht-Stadion
Das Karl-Liebknecht-Stadion ist eine Spielstätte mit Charakter. Benannt nach dem Mitbegründer der Kommunistischen Partei Deutschlands und Gegner der Novemberrevolution, trägt das Stadion seinen Namen nicht unkommentiert — er ist Teil der bewusst pflegenden Erinnerungskultur des Vereins.
Die Anlage mit einer Kapazität von 10.800 Zuschauern liegt im Potsdamer Stadtteil Babelsberg, in fußläufiger Entfernung zum Filmpark Babelsberg und den berühmten Filmstudios. Die Haupttribüne stammt aus DDR-Zeiten und wurde mehrfach renoviert. Die Gegengerade ist offen und bietet bei Heimspielen Platz für die lautesten Fans des Clubs.
Bei ausverkauften Spielen — was bei Aufeinandertreffen mit dem BFC Dynamo oder FC Energie Cottbus vorkommt — schafft das Stadion eine Atmosphäre, die weit über die Regionalliga-Norm hinausgeht. Die Mischung aus politischen Bannern, Choreos und dem Lärm der Fans ist einzigartig in der vierten Liga.
Die progressive Fankultur
Die Fanszene des SV Babelsberg 03 genieĂźt innerhalb der deutschen FuĂźballkultur einen besonderen Ruf. Die aktivsten Fangruppen — darunter das “Inferno Babelsberg” — vertreten offen linkspolitische Positionen und sind eine tragende Säule des Vereinslebens.
Konkret bedeutet das: klare Haltung gegen Rassismus, gegen Homophobie, gegen Antisemitismus. Der Verein und seine Fans haben sich frühzeitig zum Thema LGBTQ+-Inklusion positioniert — zu einem Zeitpunkt, als dies im deutschen Fußball noch weitgehend unüblich war. Regenbogenfahnen gehören bei Heimspielen zum Standardrepertoire, und der Verein hat mehrfach öffentlich erklärt, dass im Karl-Liebknecht-Stadion kein Platz für Diskriminierung ist.
Diese Haltung hat Babelsberg bundesweit Sympathisanten beschert — und regional bisweilen für Konflikte gesorgt. Rivalitäten mit Vereinen aus dem rechten Fanlager sind bekannt und wurden in der Vergangenheit auch außerhalb des Stadions ausgetragen. Der Verein reagiert darauf mit klarer Kommunikation, verstärkter Sicherheitskooperation und einer Fankurvenkultur, die bewusst Gegenmodell sein will.
Gleichzeitig ist die Fanszene auch sportlich leidenschaftlich. Das 1:1-Remis im Spitzenspiel des 17. Spieltags wurde trotz der Punktteilung enthusiastisch gefeiert — weil die Mannschaft ein couragierts Spiel gezeigt hatte und sich nicht aufgegeben hatte.
Die Saison 2025/26: Etabliert in der oberen Hälfte
Nach 18 Spieltagen steht der SV Babelsberg 03 auf dem sechsten Tabellenplatz mit 30 Punkten — ein solides Ergebnis, das die Ambitionen des Vereins unterstreicht. Den direkten Aufstiegskampf hat Babelsberg nicht erreicht, aber der Abstand auf die Abstiegsränge ist komfortabel, und der Blick geht klar nach oben.
Die Hinrunde war von einem Auf und Ab geprägt. Besonders stark war die Bilanz in Heimspielen: fünf Siege, zwei Unentschieden, zwei Niederlagen. Auswärts lief es hingegen weniger gut — nur drei Siege in neun Partien. Diese Diskrepanz ist bekannt aus den Vorjahren und bleibt die zentrale Herausforderung für Trainer Markus Zschiesche.
Das Highlight der Hinrunde war das 3:2 gegen den damaligen Vierten Carl Zeiss Jena im Oktober 2025 — ein Spiel, in dem Babelsberg nach 0:2-Rückstand zurückkam und in der 89. Minute noch den Siegtreffer erzielte. Dieses Spiel hat dem Team Selbstvertrauen gegeben und zeigt, welches Potenzial in der Mannschaft steckt.
Taktik und Spielstil
Markus Zschiesche ist seit Sommer 2024 verantwortlicher Trainer und hat dem Team einen klaren fuĂźballerischen Ansatz gegeben, der zu den Vereinswerten passt: mutig, aktiv, intensiv.
Das Grundsystem ist ein 4-3-3, das bei Ballbesitz in ein 3-2-5 expandiert. Die Außenverteidiger rücken weit auf und fungieren als zusätzliche Flügelspieler. Das bedeutet Risiko — und Babelsberg nimmt dieses Risiko bewusst in Kauf. Neun Gegentore in Heimspielen stehen vierzehn Auswärtstoren gegenüber, die Zahlen spiegeln den aggressiven Stil wider.
Im Pressing ist Babelsberg eine der intensivsten Mannschaften der Liga. Das Gegenpressing nach Ballverlust ist gut organisiert und hat in der Hinrunde mehrere Tore aus schnellen Ballrückgewinnen erzeugt. Die physische Anforderung dieses Spielstils ist hoch — was erklärt, warum die Leistungen in der zweiten Halbzeit gelegentlich nachlassen.
SchlĂĽsselspieler
Luca Bürger (Linksaußen, 22 Jahre): Das Eigengewächs ist der spannendste junge Spieler der Liga. Mit acht Toren und sechs Vorlagen ist Bürger der kreativste Akteur der Mannschaft und einer der wenigen, die die Qualität für höhere Ligen mitbringen. Er taucht regelmäßig im Torjägerranking der Liga auf.
Stefan Görke (Torwart, 30 Jahre): Der Keeper ist seit drei Jahren die verlässliche Größe im Babelsberg-Tor. Seine Reflexe retten regelmäßig Punkte, besonders bei den Kontersituationen, in die das aggressive Pressing das Team gelegentlich bringt.
Theo Krause (Defensives Mittelfeld, 26 Jahre): Der Sechser ist das Bindeglied zwischen Abwehr und Angriff. Krauses Fähigkeit, das Gegenpressing zu organisieren und gleichzeitig den Aufbau zu steuern, macht ihn unverzichtbar für das Babelsberger Spiel.
Niklas Freund (Innenverteidigung, 29 Jahre): Erfahrener Abwehrchef mit Drittliga-Vergangenheit. Freund ist ballsicher, zweikampfstark und der ruhigste Spieler auf dem Platz — ein wichtiges Gegengewicht zum offensiven Feuer seiner Mitspieler.
Verein und Gesellschaft: Ein Modell mit Ausstrahlung
Babelsberg 03 hat sich in den letzten Jahren zu mehr als einem Fußballverein entwickelt. Das Vereinsgelände dient als Treffpunkt für soziale Initiativen, die Jugendarbeit ist eng mit Schulen und sozialen Einrichtungen im Potsdamer Südwesten vernetzt, und der Verein engagiert sich bei Gedenkveranstaltungen und historisch-politischen Projekten.
Diese Doppelrolle — Fußballclub und zivilgesellschaftlicher Akteur — ist nicht ohne Risiko. Sie erfordert personelle und finanzielle Ressourcen, die einem kleinen Verein der vierten Liga nur begrenzt zur Verfügung stehen. Und sie macht den Verein zu einem Ziel: Auswärtsfahrten nach Babelsberg sind für einige Fanlager der Liga keine freudige Erfahrung, politisch motivierte Auseinandersetzungen kommen vor.
Trotzdem — oder gerade deshalb — ist Babelsberg 03 in der überregionalen Diskussion präsent auf eine Weise, die mit sportlichem Erfolg allein nicht zu erklären ist. Der Verein aus Potsdam ist ein Referenzpunkt in Diskussionen über Fußball und Demokratie, über Fankultur und politische Verantwortung.
Im Vergleich mit den anderen Berliner und brandenburgischen Clubs der Regionalliga — dem BFC Dynamo aus Hohenschönhausen und der VSG Altglienicke aus dem Südosten Berlins — steht Babelsberg für ein bewusst politisches Vereinsmodell, das Einheitlichkeit des Engagements über Maximalerfolg stellt.
Stärken und Schwächen
Stärken:
- Klare Spielidee mit offensivem Mut
- Exzellentes Pressing und Gegenpressing
- Talentierte Einzelspieler, besonders im Offensivbereich
- Starke Heimkulisse und motivierte Fanszene
- Vereinsidentität und gesellschaftliche Einbettung
Schwächen:
- Auswärtsschwäche strukturell eingebaut
- Defensive Anfälligkeit durch offensiven Stil
- Kadertiefe auf den Positionen im defensiven Mittelfeld
- Intensive Spielweise belastet Kondition in späten Spielphasen
Ausblick: Potenzial nach oben
Die Winterpause-Bilanz sieht Babelsberg in einer komfortablen Mittelfeld-Position. Der Rückstand auf die Tabellespitze ist mit zwölf Punkten zu groß für echte Aufstiegsambitionen — aber der Rückstand auf den dritten Platz beträgt nur sechs Punkte. Sollte Babelsberg in der Rückrunde eine Serie starten, wie sie in der Hinrunde beim 3:2 gegen Jena begonnen wurde, sind Top-5-Platzierungen erreichbar.
Die wichtigste Aufgabe für Trainer Zschiesche ist die Verbesserung der Auswärtsleistungen. Das aktive Spielsystem muss auch in fremden Stadien, ohne die Unterstützung des Karl-Liebknecht-Stadions, funktionieren. Dazu braucht es mentale Stärke und taktische Flexibilität — zwei Eigenschaften, die in der Hinrunde nur ansatzweise erkennbar waren.
Die Erfolgsgeschichten vergangener Aufsteiger aus der Regionalliga Nordost zeigen, dass Teams mit klarem Spielstil und Identität oft besser abschneiden als erwartet. Für den SV Babelsberg 03 gilt: Die Substanz ist vorhanden. Ob die Rückrunde den nächsten Schritt bringt, wird sich spätestens mit dem Spieltag-Analyse-Format der kommenden Wochen zeigen.
Quellen: SV Babelsberg 03 — Offizielle Website, Transfermarkt — SV Babelsberg 03, kicker — SV Babelsberg 03